SchlossMagazin

Magazin für gehobenen Lebensstil in Bayerisch-Schwaben und im Fünfseenland. Exklusive, informative und spannende Unterhaltung für Leser mit Anspruch.

Aktivist, Diplomat und Genussmensch

Gerd Holzheimer ist aus dem bayerischen Kulturleben nicht wegzudenken.

Text: Konstantin Fritz

Holzheimer P1200945Mit seiner Kojak-Frisur erinnert er entfernt an eine Figur, die man vielleicht aus einem Wilhelm-Busch-Buch aus frühen Kindertagen kennt. Seine haarlose Kopfhaut verdeckt er meist unter einer Kappe, die so bunt ist wie das Leben und wahrscheinlich aus Nordafrika stammt. So kommt er auf einen zu, der Gerd Holzheimer, Autor, promovierter Literaturwissenschaftler, Herausgeber der Zeitschrift „Literatur in Bayern“ und, gemeinsam mit Elisabeth Carr, künstlerischer Leiter des „Literarischen Herbstes“ am Starnberger See. Sich selbst hat er oft als „poetischer Landvermesser“ bezeichnet, als einer, der die Welt vom Amazonas bis zum Würmtal schreibend erkundet – jüngst unter Beweis gestellt mit seinem neuesten Werk „Zum Ammersee“, in dem er die verborgenen Schätze des Sees und seiner Ufer hebt.

Irgendwo tritt er mit seiner Berufswahl auch das Erbe des Vaters an, der seines Zeichens Landvermesser war, aber im herkömmlichen Sinne. Und so ist Holzheimer bereits in der Kindheit viel herumgekommen, jedenfalls in Bayern. Von Oberbayern nach Niederbayern, in die Oberpfalz, rüber zum Fränkischen und runter ins Schwäbische. Der junge Gerd sprach in kürzester Zeit fließend den jeweiligen Dialekt, den er sich bei der Dorfjugend abschaute – manchmal so überzeugend, dass es die oberbayerischen Eltern schauderte. Hineinversetzen in andere Sprachen und damit auch in andere Denkweisen, das ist bis heute ein Talent von ihm. Und auch ein weiteres Berufsfeld, in dem er für eine große deutsche Tageszeitung Leserreisen leitet, vornehmlich in sein Lieblingsland Portugal, aber auch in die antiken Stätten Italiens und Griechenlands.

Aber zurück nach Bayern: Vor einigen Jahren schrieb Holzheimer den poetischen Reiseführer „Auf Trüffeljagd im Fünfseenland“, in dem er die besonderen Orte, Geschichten und Gepflogenheiten der von ihm so geliebten Gegend zu Tage fördert. Und das in einer Art und Weise, dass man sich selbst als eingefleischter Einheimischer wundert, woher er das alles weiß (aufgewachsen ist er ja meist in München). Das dachte sich dann auch der Seeshaupter Filmemacher Walter Steffen, der geradewegs mit einem Film gleichen Titels Holzheimers Worte und Trüffel auf die Leinwand bannte. 2015 erhielt Holzheimer den Kulturpreis des Landkreises Starnberg, „weil er aus dem hiesigen Kulturleben nicht wegzudenken ist“.

Sofort fallen die blitzenden Augen auf; verschmitzt ist hier der passende Ausdruck. Eigentlich kann man sie fast als Äuglein bezeichnen, denn meist hat er so ein breites Grinsen oder gar Lachen auf dem Gesicht, dass die Augen eben kleiner werden, eingerahmt von höchst sympathischen Lachfalten. Sein Lachen, das oft den ganzen Körper mit einbezieht, ist so ansteckend, dass man am liebsten gleich mitlacht. Langweilig wird es nie mit Gerd Holzheimer, soviel ist sicher.

Holzheimer IMG_1385@alliteraDa hat einer auch ein bewegtes Leben geführt, unter anderem als Farbbeutelwerfer. Das war 1968, als das studentische Europa, ja die ganze Welt in Aufruhr war. So auch München, so auch der Student Holzheimer: „Wir waren unbedingt der Meinung, die Amerikaner müssten den Krieg in Vietnam beenden, und zwar sofort. Zu unserer großen Überraschung hörten sie nicht auf uns. Aber weil die Moral eindeutig auf unserer Seite lag, folgten Farbbeutel als Argumente. Sie flogen gegen das Amerikahaus am Münchner Karolinenplatz und hinterließen an der Außenwand ein abstraktes Fresko“, erinnert er sich. Einige Jahre später stand er mit dem Institutsdirektor im Inneren des Gebäudes und erzählte ihm von den Farbbeuteln, und sie lachten. Sie einigten sich darauf, dass auch Farbbeutel ein Beitrag zur Fassadengestaltung sein können.

Aktivist, ja. Diplomat, immer. Genussmensch, unbedingt. Er lebt mit seiner Frau gepflegt in Gauting, dort, wo die schönen Künstlerhäuser Anfang und Mitte des vorigen Jahrhunderts gebaut wurden. Hier schreibt er in einer kleinen Kammer unterm Dach, wahrscheinlich weil er von dort einen weiten Blick hat. Und den braucht er ja, um den Befindlichkeiten seiner Gegend, geographisch wie geistig, auf die Schliche zu kommen. Im Haus gibt es sogar eine kleine Schwimmhalle. Aber Gerd Holzheimer wäre nicht Gerd Holzheimer, wenn er dort im Wasser seine täglichen Runden drehen würde. Nein, das Schwimmbecken ist leer – zumindest ist kein Wasser drin. Man könnte sagen, es ist leicht zweckentfremdet. Denn es ist voller Bücher und Zeitschriften, so voll, dass man denken mag, die Bayerische Staatsbibliothek oder mindestens die Gemeindebücherei Gauting habe dort ihr Archiv aufgeschlagen. Und mitten drin, das macht das Ganze vollends surreal, eine rote, kalbsgroße Bulldogge aus Pappmaché. Das 3D-gewordene Logo der Zeitschrift Simplicissimus. „Ich arbeitete als Lehrperson beim Institut für Bayerische Literaturgeschichte der LMU. Nach einigen Jahren wurde es geschlossen, und da landete sein gesamtes Inventar auf dem Gehsteig der Theresienstraße. Und plötzlich stand da auch diese rote Bulldogge. Gott sei Dank hatt‘ ich meinen VW-Bus dabei, mit dem ich das Tier retten konnte“, erinnert sich der Hausherr.

Wie die Jungfrau zum Kind ist er zu seiner Verantwortung als Herausgeber der Zeitschrift „Literatur in Bayern“ gekommen, die in diesem Jahr ihr 30-jähriges Jubiläum feierte. Der Gründer und frühere Herausgeber Dietz-Rüdiger Moser, auch Lehrstuhlinhaber von besagtem Institut mit der roten Bulldogge, war gestorben und hatte posthum seiner Assistentin und Holzheimer die Verantwortung für die Zeitschrift übertragen. Zu Lebzeiten hätte Holzheimer dankend abgewunken, sagt er. „Aber was sagt man einem Toten?“ Da die Assistentin plötzlich über ein halbes Jahr wie vom Erdboden verschluckt war, ist er kurzerhand alleiniger Herausgeber geworden, übrigens ehrenamtlich. Mit der Zeitschrift leitet er auch ein Redaktionsteam, das sich aus bekannten Namen zusammenstellt. Die Leiterin der Monacensia Dr. Elisabeth Tworek ist da ebenso dabei wie der Heimatpfleger des Bezirks Oberbayern Dr. Norbert Göttler oder der Leiter des Münchner Stadtarchivs Dr. Michael Stephan. Das Jubiläum wird in diesem Herbst mit einer eigenen Ausstellung im Maierhof des Klosters Benediktbeuern gefeiert.

Als poetischer Landvermesser ist er seit vielen Jahren auch als künstlerischer Leiter des „Literarischen Herbstes“ am Starnberger See tätig, gemeinsam mit Elisabeth Carr (KunstRäume am See). Die beiden schaffen heuer wieder acht kulturelle Ereignisse, die mit Vorliebe an ungewöhnlichen Orten stattfinden. So wird die Welt des Alltags und die Welt des Poetischen miteinander verknüpft: Ein Hotel, drei Klöster, drei Schlösser, ein Bauernhof und ein Gauting werden literarisch, musikalisch und gern auch augenzwinkernd bespielt. Immer mit der Lust und Neugier daran, unbekannte geistige und kulturelle Räume zu erkunden – und natürlich zu vermessen.


Informationen zum Literarischen Herbst (19. September bis 7. November 2015) auf www.literarischer-herbst.info

Informationen zur Zeitschrift Literatur in Bayern und zur Jubiläums-Ausstellung „Da schau her“ (11. Oktober bis 11. Dezember 2015) auf
www.literatur-in-bayern.de

 

Zurück