SchlossMagazin

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Durch Raum und Zeit – Der Bildhauer Florian Lechner im Gespräch

Der große Raum liegt in der Dunkelheit. Der Besucher betritt ihn nur zögerlich, fast ehrfürchtig. Erst nach einigen Minuten gewöhnt sich das Auge an die Lichtverhältnisse. Aus dem Dunkeln entfalten sich Hindernisse, monumentale geometrische Formen ragen schräg in den Raum. Man wähnt sich in einer futuristischen Berglandschaft oder einem Bühnenraum. Wer vorab Bilder von Florian Lechners „Raumskizze“ gesehen hat, erwartet gradlinige, kühle Plastiken. Beim Durchschreiten erweist sich die Installation, die der Bildhauer eigens für das Aichacher SanDepot geschaffen hat, jedoch als erstaunlich sinnliche Erfahrung. Genau darauf zielt der junge Münchner Künstler mit seiner gekonnten Choreografie ab.

Text: Carmen Achter

Schlossmagazin: „Raumskizzen“ nennst Du diese Art von Arbeiten, bei denen du Räume durch den Einbau großer geometrischer Elemente veränderst – immer auf Zeit und jedes Mal anders. Der Begriff „Skizze“ verweist ja auf etwas Unfertiges, Momenthaftes, das sich auch in Deinen Installationen widerspiegelt. Was verstehst Du darunter?

Florian Lechner: Der Begriff „Raumskizze“ begleitet mich schon lange – schon seit meiner Ausbildung zum Steinmetz und der Meister- und Gestalterschule. Die Skizze ist eine Annäherung, ursprünglich eine Zeichnung, die versucht, das Wesentliche einer Sache wiederzugeben. Als Bildhauer zeichne ich in gewisser Weise auch – nur eben dreidimensional, im Raum.

Schlossmagazin: Es fühlt sich tatsächlich an, als bewege man sich durch einen riesigen dreidimensionalen Plan – eine eigenartige Erfahrung. Der Raum ist viel spürbarer, scheint aber gleichzeitig zu verschwinden. Worum geht es Dir dabei?

FL: Mir geht es genau darum, einen solchen Wahrnehmungsprozess anzustoßen. Grundsätzlich verfügt jeder Raum über bestimmte Qualitäten. Ein Beispiel: Manchmal heißt es, ein bestimmter Ausstellungsraum seit „schlecht“. Ist das so? Mit meiner Kunst möchte ich den Raumeigenschaften auf den Grund gehen. Es ist wie bei einem Forschungsvorhaben.

Schlossmagazin: Wie kommen solche temporären Projekte zustande?

FL: Am Anfang steht immer eine Einladung. So war es auch beim aktuellen Projekt für das ehemalige Sanitäts-Depot in Aichach. Jakob Steinberger, der Vorsitzende des hiesigen Kunstvereins, hat mich vor zwei Jahren auf einer meiner Ausstellungen angesprochen. Hier kam der Aspekt hinzu, dass das Gebäude selbst nur temporär für Ausstellungen genutzt wird – das passte.

Schlossmagazin: Arbeitest du immer für Galerien oder Ausstellungsräume?

FL: In der Regel sind es Räume, die mit Kunst in Verbindung stehen. Eines meiner letzten Projekte war ein Bühnenbild, für die Inszenierung des Minotaurus der Commedia Futura in Hannover.

Schlossmagazin: Wie gehst Du bei solchen Projekten vor?

FL: Bei meinen Raumskizzen kann ich sehr frei und experimentell arbeiten. Ich gehe immer von der konkreten Situation vor Ort aus – sie gibt mir die Richtung vor. Dann strukturiere ich den Raum neu, durch das Einfügen von Elementen, durch Licht und Schatten, und schaffe eine Inszenierung, um die spezifischen räumlichen Qualitäten erfahrbar zu machen.

Beim Minotaurus habe ich eng im Team mit den Choreografen zusammengearbeitet, das ist eine ganz andere Art der Arbeit. Wir haben die Grenzen zwischen Bühnenraum, Zuschauerraum und Spielstätten-Gebäude aufgelöst. Auch das war inhaltlich extrem spannend und wird sicher nicht das letzte Projekt dieser Art bleiben.

Beide Arbeitsformen sind von einem gewissen Risiko begleitet: Es passiert viel Unvorhergesehenes, der Ausgang ist immer offen.

Schlossmagazin: Deine starken Inszenierungen schaffst du mit ganz einfachen Mitteln. Was in den „Raumskizzen“ so massiv und monumental wirkt, ist schlicht Styropor. Zum Teil lesen sich Deine Materiallisten wie Einkaufszettel für den Baumarkt: Polymerkleber, Farbe, Kabel, ein Beamer … Wie bist zu diesen Materialien gekommen?

FL: Das hat mehrere Gründe. Anfangs habe ich viel mit den Dingen vor Ort gearbeitet – Einrichtungsgegenständen zum Beispiel. Ich habe sie neu angeordnet und weiß gestrichen. Allerdings dominierte hier fast immer der rechte Winkel. Dazu kamen ganz praktische Probleme, etwa der Transport. Außerdem ist bei mir nach einiger Zeit der Wunsch entstanden, größer zu arbeiten, radikaler. So bin ich irgendwann zum Styropor gekommen. Das Material besteht zu 98 Prozent aus Luft, ermöglicht dabei aber monumentale Aufbauten. Eine echte Luftnummer! Da sind wir bei der Inszenierung … Auf der anderen Seite ist Styropor ein relativ neutrales Material, es ist nicht mit Bedeutung aufgeladen und bleibt im Hintergrund. Ich finde Styropor richtig gut.

Schlossmagazin: Radikal sind deine „Raumskizzen“ auch in anderer Hinsicht: Nach Ausstellungsende verschwinden sie. Übrig bleibt nur die fotografische Dokumentation. Was treibt Dich hier an?

FL: (lacht) Tja, alles ist vergänglich. Ich komme ja aus der klassischen Bildhauerei. Bei den Steinmetzen gab es diesen Slogan: „Was wir schaffen, bleibt.“ Das stimmt natürlich nicht, weder in der Kunst, noch in der Gesellschaft generell. Diesem scheinbar Bleibenden setze ich den Moment der Erfahrung entgegen – die künstlerischen Erfahrungen, die ich bei der Arbeit mache, und die Erfahrung, die der Besucher durch die veränderte Raumwahrnehmung macht.

Schlossmagazin: Hast du Vorbilder oder Förderer, die für deine künstlerische Entwicklung eine besondere Rolle gespielt haben?

FL: (überlegt kurz) Hier muss ich wohl meinen Vater nennen. Das Aufwachsen im elterlichen Steinmetzbetrieb, die Selbstständigkeit, die Kreativität – das alles hat mich sehr geprägt. Auch die Zeit an der Akademie war wichtig, die Möglichkeit, dort ganz frei zu arbeiten. Konkrete Vorbilder gibt es nicht. Eher sind es einzelne Aspekte in den Werken anderer Künstler, die mich interessieren und auf die ich Bezug nehme.

Schlossmagazin: Auf Deinen Einladungen steht die schöne Formulierung, dass Du Deine Installation nach dem Arbeitsprozess dem Publikum übergibst. Das heißt ja, dass Du den Besucher sehr ernst nimmst.

FL: Der Besucher ist ein aktiver Teil der Installation – ich setze einen Impuls, aber seine Wahrnehmung wird erst in Kraft gesetzt, indem er sich durch die Installation bewegt. Dabei ist er relativ frei in der Nutzung – auch wenn ich natürlich eine möglichst präzise Choreographie schaffe, den Besucher lenke, etwas mitteilen will. Wenn jemand den Impuls nicht annimmt und fragt: ‚Was ist denn das?‘, dann ist das aber auch in Ordnung.

Schlossmagazin: Vielen Dank für das anregende Gespräch!

Die aktuelle Ausstellung in Aichach (SanDepot, Donauwörther Straße 3) läuft noch bis 23. August. Geöffnet ist sie samstags und sonntags von 14:00 bis 18:00 Uhr sowie auf Anfrage

Porträt_F_Lechner

Florian Lechner, geboren 1981 in Burghausen, ist gelernter Steinmetz und absolvierte die Meister- und Gestalterschule in Freiburg i. Breisgau. 2012 schloss er sein Studium der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste München als Meisterschüler von Prof. Pitz mit Diplom ab. Seine Werke wurden bereits in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt. Florian Lechner lebt und arbeitet in München. Eine Übersicht über sein Schaffen findet sich auf www.florianlechner.eu.

Florian Raum Modell_Raumskizze_Aic

Florian Raum Einladung

Florian Raumbild_Bsp1

(Bildrechte: Florian Lechner)

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