SchlossMagazin

Magazin für gehobenen Lebensstil in Bayerisch-Schwaben und im Fünfseenland. Exklusive, informative und spannende Unterhaltung für Leser mit Anspruch.

Kunstwerke aus Zinn von Gunnar Schweizer

In der Kleinzinngießerei „Babette Schweizer“ in Dießen werden schon seit 1840 filigrane Weihnachtskugeln hergestellt. Ihr Inhaber Gunnar Schweizer ist nicht nur Zinngießer, sondern auch Geschichten-Erzähler.

 

IMG_3728Betritt man die mächtige alte Holztür der Zinngießerei „Babette Schweizer“ in Dießen am Ammersee, begibt man sich auf eine Reise in die Vergangenheit: Geschmackvolle, bis ins kleinste Detail ausgestattete Puppenhäuser aus Holz, Zinnfiguren aller Art und Weihnachtsschmuck sind hier ausgestellt. Ein Tannenbaum ziert den Café-Raum, in dem es hausgemachten Kuchen gibt. „Das Haus hat eine lange Gesichte“, erklärt Gunnar Schweizer bei einer Tasse Kaffee. Gebaut wurde das Haus an der Herrenstraße 17 bereits im 15. Jahrhundert. Im Jahr 1796 kaufte es Adam Schweizer und gründete nach der Renovierung die Zinngießerei. Neben Zinngeschirr produzierten die Schweizers vor allem Devotionalien – Kreuze und Heiligenfiguren, die in ganz Europa an den Wallfahrtsorten vertrieben wurden. Heute führt Gunnar Schweizer, Jahrgang 1942, mit seiner Frau Karin die Zinngießerei; die beiden haben drei Kinder, die ebenfalls noch hier wohnen. Schweizer erzählt gerne von der Geschichte des Hauses, immer neue Anekdoten gibt der 73-Jährige zum Besten. Zum Beispiel von dem „Hausmadel“ Marie, einer jungen Frau mit 13 Geschwistern, die 1914 aus Niederbayern kam und bis zu ihrem Tod mit 80 Jahren im Hause Schweizer gewohnt und gearbeitet hat. Auch sein Freund, der Chinese Dr. Wang, ehemaliger Professor in Tübingen, hat hier vier Jahre lang im Haus gelebt. Schweizers Werkstatt befindet sich im Erdgeschoss, überall liegen Zinnreste, Werkzeuge und Formen. Die zwei Öfen, mit denen das Metall zum Schmelzen gebracht wird, verbreiten Wärme und einen angenehmen Holzgeruch. Stolz zeigt Schweizer eine Form aus Birnbaum von 1730, die er erst kürzlich wieder benutzt hat: „Das war gar nicht so einfach, wegen der vielen Wurmlöcher“, bemerkt er. Gegossen hat er ein Brustschild für den Erzengel Gabriel – ein Kostümteil für die Passionsspiele in Oberammergau. Weitere tausend Formen lagern überall in seiner Werkstatt. „Heute werden zur Herstellung von Zinnfiguren vorwiegend Schiefersteine als Formen verwendet“, so der Kunsthandwerker. Die letzte, die er von einem Graveur anfertigen ließ, war eine Goliath-Figur für einen Oldtimer. Schweizer erhitzt die Zinnmischung im Gefäß über dem Ofen bei etwa 320 Grad. Auf der silbrigen Suppe hat sich Asche gebildet. Danach schöpft er eine Portion Zinn und gießt sie in Christbaumkugel-Form. Insgesamt braucht er acht Formen, die er aneinander lötet. Die filigranen Teile einer Weihnachtskugel müssen einzeln gebogen und verschweißt werden, zwanzig Stellen sind es mindestens für eine Kugel. „Der Brauch, an Weihnachten Tannenbäume aufzustellen und zu schmücken, kam aus dem Norden zu uns hierher“, erklärt Schweizer. Die Schweizers hatten IMG_3783früh die Idee, Christbaum-Kugeln aus Zinn herzustellen. „Formen waren genug vorhanden, weil wir ja schon filigrane Halbkugeln für Hausaltäre und Theaterschmuck gossen hatten“. Und so wurden 1840 die ersten Zinn-Kugeln produziert, die noch heute von Dießen aus nach Asien, Australien und die USA verkauft werden. Auch Altarschmuck stellt Schweizer immer noch her und natürlich Zinnfiguren für Sammler aus aller Welt. Als er ein kleiner Junge war, hatte er mit Zinnfiguren nichts am Hut. Er wurde in Island geboren und spielte Bauernhof mit Schafsknochen am Strand. „Im Sommer haben wir 24 Stunden Zeit zum Spielen gehabt“, schwärmt er. Aufgewachsen ist er in einem „Irrenhaus“, auf Isländisch „Kleppur“, an der südisländischen Küste. Seine Mutter, eine Isländerin, arbeite als Krankenschwester in einer Psychiatrie, sein deutscher Vater als Heimatforscher. Wenn er Hunger hatte, ging es in die Krankenhaus-Küche, „da gab es immer etwas zu essen“. 1949 ist er mit seinem Vater nach Dießen gefahren, sein Bruder und seine Mutter folgten erst vier Jahre später. Die Freiheit war zu Ende, Schweizer wurde in Dießen eingeschult: „Ich habe kein Wort Deutsch gekonnt, die Klosterschwestern haben graue Haare wegen mir bekommen“. Wenn er keine Lust auf Unterricht hatte, lief der freiheitsliebende Junge einfach nach Hause. Von den Kindern wurde er als Ausländer, der kein Deutsch sprach, verspottet. Sein Vater verstarb früh, Unterstützung bekam seine alleinerziehende Mutter von der isländischen Verwandtschaft und von seiner deutschen Tante. Seine Nachmittage verbrachte er am See und im Segelclub, einem Hobby, dem er noch heute nachgeht. Als Jugendlicher hat Schweizer die Schule verlassen, um das Handwerk des Zinngießens zu lernen. „Das war Pflicht, eigentlich wollte ich Bootsbauer werden.“ Einen neuen Lehrling wird er nicht mehr ausbilden. Sein ältester Sohn aus erster Ehe führt eine Zweigstelle der Zinngießerei in der Münchener Innenstadt. Für seine jüngeren Kinder kommt Zinngießen nicht mehr in Frage. Sein Sohn Magnus (24) ist Elektrosystemmanager, seine Tochter Johanna (20) macht eine Ausbildung beim Militär und der jüngste Sohn Kilian (14) geht noch zur Schule. „Es wäre unverantwortlich, den Kindern einen Beruf beizubringen, der vom Aussterben bedroht ist“. Kleine Betriebe hätten keine Chance mehr. „Die vielen Ketten machen die kleinen Läden kaputt“, bedauert Schweizer, der auch eine Zeitlang in der Kommunalpolitik aktiv war. Sehnsüchtig denkt Schweizer an Island, an den Zusammenhalt unter den Menschen, den er hier oft vermisst habe. Kontakt zu seinen Verwandten hat er über Skype. Bevor er das nächste Mal in sein Heimatland reist, möchte er noch eine besonders schöne Figur Form aus Zinn gießen: einen Stier, einen Adler, einen goldenen Drachen und ein Wikinger – das Wappen von Island.

Informationen www.schweizerzinn.de

 

Zinn-Café mit Ladengeschäft
Montag bis Freitag von 9:00 bis 18:00 Uhr
und Samstag von 9:00 bis 16:00 Uhr durchgehend geöffnet.

Zinn-Café, Herrenstraße 17, 86911 Dießen

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Text: Miriam Anton

 

 

 

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