SchlossMagazin

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„Wir kommen bei keiner Oper um das Göttliche herum.“

Ein Gespräch mit Opernregisseur und Sänger Hugo Wieg, der im Juni 2015 „Der Bajazzo“ von Ruggero Leoncavallo bei „Oper in Starnberg“ inszeniert hat.

Text: Konstantin Fritz

Bajazzo Wieg 4@Otto Klappert_webSchlossMagazin: Herr Wieg, Sie leben in Breitenworbis, wo Sie auch geboren und aufgewachsen sind. Wie passt das zusammen – die große Welt der Oper und ein kleiner Ort in Thüringen?

Hugo Wieg: Breitenworbis liegt nahe der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Die tägliche Tragik der DDR-Diktatur habe ich direkt miterlebt. So durfte ich meine Verwandten, die im Sperrgebiet lebten, besuchen, bis ich vierzehn war, danach aber nur noch mit kompliziertem Passierschein-Antrag. Als ich einmal bei ihnen war, ging nachts in der Nähe eine Tretmine hoch. Wir wussten nicht, ob das ein Mensch oder ein Reh war. Wir konnten nichts machen. Wir konnten nur versuchen, das emotional zu verarbeiten.

Und da hat Ihnen die Oper geholfen?
Unter anderem. Ich habe auch eine zeitlang Theologie studiert. Aber Theater und Oper haben mich schon früh fasziniert. Mit 14 Jahren habe ich erste Stücke im Gemeindesaal inszeniert und wenig später einen Theaterverein hier im Ort gegründet. Zuerst machten wir Kindertheater, später kamen Symphoniekonzerte und ganze Opern zur Aufführung. Auf meinem Grundstück steht eine Scheune, die ich nach und nach ausgebaut habe, inzwischen hat sie 99 Sitzplätze. Aber ich inszeniere ja nicht nur in Breitenworbis, sondern auch seit vielen Jahren bei den Opernfestspielen Bad Hersfeld, in Stuttgart oder vor kurzem in Starnberg.

Sie sind spät, mit 57 und mit 63 Jahren, Vater geworden. Wie hat sich mit Ihren Söhnen Ihre Arbeit als Regisseur verändert?
Zeitmäßig muss man sich natürlich mit kleinen Kindern ganz anders einstellen. Meine beiden älteren Söhne sind eineiige Zwillinge und gerade zwölf geworden. Sie sind für mich ein psychologisches Eldorado. Mit ihnen lerne ich extrem viel darüber, wie man Menschen motivieren kann. Wenn beide den gleichen Fehler machen, darf ich ihnen nicht in gleicher Weise begegnen, um keine emotionalen Frustrationen zu erzeugen. Ich erkenne ganz neu, dass jeder Mensch ein Individuum ist, sogar wenn sie genau gleich aussehen. Verführung ist die wahre Gewalt, heißt es bei Lessing. So versuchen auch meine Frau und ich, unsere Kinder zum Guten zu verführen, indem wir mit ihnen den Weg der Wahrhaftigkeit gehen wollen. Und das hat wiederum Einfluss darauf, wie ich Regie führe. Ich lobe immer nur. Ich arbeite nach dem Motto: Das haben wir schon geschafft, aber das können wir jetzt auch noch schaffen.

Wie wichtig ist das psychologische Moment bei Opern?
Essenziell. Das Thema aller Opern ist ja die Erkenntnis der eigenen Begrenztheit. Ist der Mensch in der Lage, seine Emotionen zu beherrschen oder nicht? Nein, sagen die Opern. Daher ist es egal, aus welchem Jahrhundert eine Oper stammt, die Themen sind immer allgemeingültig. Diese Welt ist eine unvollkommene Welt, das sehen wir ja an den Auswüchsen. Und das muss man nicht nur politisch denken: Jeder von uns scheitert an seiner täglichen Unvollkommenheit. Man fordert meist vom Anderen mehr als man selbst kann, anstatt dem anderen den Freiraum zu lassen, mit seiner Unvollkommenheit zurechtzukommen. Genau da entstehen die Konflikte. Der Gegenpol dazu ist ein vollkommenes Etwas, nennen wir es Gott. Und diese Spanne von unserer Unvollkommenheit zur Vollkommenheit hin, die Lücke in diesem Freiraum, versucht die Oper zu schließen.

Sagen Sie ein Beispiel.
Nehmen wir „Fidelio“, den ich gerade in Bad Hersfeld inszeniert habe: Was bewegt diese Frau Leonore, verkleidet als Fidelio, also als Mann, ins Gefängnis zu gehen, um ihren Mann Florestan zu befreien? Und dann auch noch der Tochter des Gefängnisdirektors eine Scheinehe zu versprechen? Ich hänge sehr an diesem „Unvollkommensheits-Moment“, er zieht sich wie ein roter Faden überall durch. Ich kann auch einen Betrieb durchaus mit einem Gefängnis vergleichen: Teilweise werden die Leute, die dort arbeiten, ja auch zu ungewollt grenzwertigen Mitteln gezwungen, als Teil der Struktur der menschlichen Unvollkommenheit. Ich kann doch nicht Schulden von jemandem kaufen und wieder verkaufen und daran verdienen, das ist doch pervers. Wir bewegen uns ständig in Grenzräumen, mit einem Bein im Gefängnis. Selbst mein Körper ist ein Gefängnis, er hat die Unvollkommenheit des Älterwerdens. Ich kann nur leben in der Struktur meines Gehirns. Und versuchen, mein Gehirn zum Transzendenten hin zu erziehen. Wir alle haben das Gute und Böse in uns. August Everding, den ich noch kennenlernen durfte, hat einmal gesagt: Kultur ist, das Ur in uns zu kultivieren.

Also Oper als Religionsersatz?
Zumindest sind die tiefen, wichtigen Fragen des Lebens genau das, worum es in allen Opern geht. Bei „Fidelio“ kommt in jeder Arie ist das Wort „Gott“ vor. Bei „Lohengrin“, deutlicher noch bei „Tannhäuser“, ist das entscheidende Wort „Erlösung“. Wir kommen bei keiner Oper um das Göttliche herum. Aber die Oper ist nicht unbedingt dafür da, den Menschen zum Glauben zu bringen. Es geht vielmehr darum, mit Hilfe des Göttlichen das Böse im Menschen zu beherrschen. Die Selbsterziehung ist eines der wichtigsten Themen im Leben. Da sind wir genau bei der Oper.

Inwiefern?
Akzeptiere ich etwas über mir, das vollkommen ist? Wenn ich das nicht mache, besteht die größte Gefahr darin, dass das Böse in mir Oberhand gewinnt. Das Böse ist die Unfähigkeit, das Unvollkommene in mir zu beherrschen. Je mehr ich mich erkenne, desto erträglicher werde ich für Andere. Eigentlich sind wir ja eine Zumutung. Wir kritisieren am Anderen das, was uns selbst nicht gelingt. Das Loslassen ist entscheidend: In dem Moment, wo ich mich zurücknehme, schaffe ich Räume fürs gemeinsame Leben. Und so versucht Oper, das Geschehen immer wieder zu beeinflussen, von außen sozusagen einen Stein reinzuwerfen in das Meer unseres täglichen Lebens. Man glaubt gar nicht, welche Wellen das beim Zuschauer schlagen kann.

Also hat die Oper eine blühende Zukunft, indem sie dem Menschen hilft, sich selbst zu erkennen?
Wenn die Oper nicht Museum werden will, dann muss sie für den heutigen Menschen psychologisch relevant sein. Wenn man bedenkt, dass Mozart, Händel, Verdi, Wagner, Weber Opern für ihre Zeitgenossen geschrieben haben, dann ist das, was wir heute machen, ja eigentlich museales Theater. Daher muss eine heutige Inszenierung eine Absicht, eine Botschaft haben. Wir müssen die Oper als sinnlich wahrnehmbares Bindeglied zur menschlichen Natur verstehen. Loriot hat einmal gesagt, dass wir die Spannung, die im Menschen existiert, durch Kunst abbauen können und auf das Publikum eher beruhigend wirken sollten als es aufzuheizen. Die Oper kann durchaus ein stabilisierendes Moment für unser immer schneller werdendes Tempo darstellen. Sie kann ein Gleichgewicht herstellen in der Seele des Menschen. Und sogar in dieser Welt, die aus den Fugen zu geraten droht.

Foto: Otto Klappert


Hugo Wieg ist Sänger, Regisseur und Dozent an der Martin-Luther-Universität in Halle. Er wurde 1946 in Breitenworbis (Thüringen) geboren, studierte nach dem Abitur zunächst ein Jahr Katholische Theologie, bevor er an der Franz-Liszt-Hochschule Weimar ein Gesangsstudium bei Helmut W. Müller aufnahm.

Noch während des Studiums hatte er eine Assistenz bei Harry Kupfer in Weimar. Gleichzeitig machte er seine ersten Inszenierungen, z. B. von „Die Opernprobe” von Albert Lortzing in Halle/Saale. Regie führte unter anderem er bei den Opern „Cosi fan tutte” (Gera, 2006), „Hochzeit des Figaro” (Opernfestspiele Bad Hersfeld, 2007), „La Cenerentola“ (Stuttgarter Philharmoniker, 2007) „Fidelio“ (Opernfestspiele Bad Hersfeld, 2015), „Der Bajazzo“ (Oper in Starnberg, 2015), dem szenischen Oratorium „Lazarus” (Händelfestspiele Halle, 2001) sowie den Operetten „Maske in Blau” (Gera, 1991) und „Graf von Luxemburg” (Gera, 1989).

Seit 1995 ist Hugo Wieg ständiger Dozent an der Martin-Luther-Universität in Wittenberg im Fach „Darstellender Unterricht für Musiktheater“. Als Liedsänger konzertiert er mit Werken von Schumann, Schubert, Mozart und Strauss in Berlin, Erfurt, Lübeck, Flensburg, Hamburg und Gera. Darüber hinaus gibt er Gastspiele im Ausland. Hugo Wieg ist verheiratet und hat drei Söhne.

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