SchlossMagazin

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„Wir könnten viel mehr teilen.“ – Interview mit Walter Steffen

Der Seeshaupter Walter Steffen ist der bekannteste regionale Filmemacher im Fünfseenland. „Endstation Seeshaupt“, „München in Indien“ oder „Bavaria Vista Club“ haben viele tausend Zuschauer bewegt und begeistert. Mitte November kommt sein neuestes Werk bundesweit in die Kinos, das aktueller und brisanter nicht sein könnte: „Happy Welcome“ über vier ‚Clowns ohne Grenzen‘ in acht deutschen Asylbewerberheimen.

 

Interview: Konstantin Fritz

SchlossMagazin: Herr Steffen, gibt es in Ihrer Familie ein Flüchtlingsschicksal?

 

Walter Steffen: Ja, ich bin selbst ein Flüchtlingskind. Meine Mutter kam aus Swinemünde an der Ostsee, mein Vater aus Berlin. Als gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die russische Armee Swinemünde einnahm, flohen meine Eltern übers Meer mit einem der letzten Schiffe nach Dänemark – als blinde Passagiere. Dort angekommen, fanden sie bei dänischen Partisanen Unterschlupf. Nach Kriegsende sind sie zwei Monate lang zu zweit auf einem Fahrrad durch das zerstörte Deutschland gefahren – vom obersten Norden bis nach Oberstdorf, in den äußersten Süden. Das muss man sich mal vorstellen!

 

Ihre Eltern blieben in Oberstdorf, wo Sie geboren und aufgewachsen sind. Hatten Sie in Ihrer Kindheit Schwierigkeiten, weil Sie kein Einheimischer waren?

Die einheimischen Kinder haben hinter den Ecken gewartet, um uns Flüchtlingskinder zu verprügeln. Das hat dazu geführt, dass ich mich dort nie zu Hause gefühlt habe. Anderen Kindern geflüchteter Eltern, mit denen ich befreundet war, ging das ähnlich. Wir gehörten einfach nicht zur Dorfgemeinschaft. Das kann besonders ein Kind sehr prägen.

 

Wie sehen Sie vor dem Hintergrund Ihrer persönlichen Geschichte die aktuellen Geschehnisse der so genannten „Flüchtlingswelle“?

Die Schicksale dieser Menschen berühren mich zutiefst. Wenn man sich überlegt, was sie erlebt haben müssen, um so ins Risiko zu gehen und ihr altes Leben in der Heimat zurückzulassen. Die meisten von uns können es sich kaum vorstellen, was das bedeutet: In ein fremdes Land zu kommen und nicht zu wissen, was man morgen zu essen hat. Dass es im Nachkriegsdeutschland jahrelang sehr wenig zu essen gab, spielte in meiner Kindheit eine wesentliche Rolle. Essen wegzuwerfen war das Allerschlimmste. Ich kann nachvollziehen, wie es ist, wenn Menschen hungern und um ihr Leben fürchten müssen.

 

Seit Ihren Reisen als Trucker in den 1970er Jahren kennen Sie den Nahen Osten aus erster Hand.

Damals war ich hauptberuflich Schriftsteller, konnte davon aber nicht leben. Also nahm ich abenteuerliche Jobs an, um Geld zu verdienen, aber auch außergewöhnliche Geschichten zu erleben, die ich dann wieder aufschreiben konnte. Als Trucker fuhr ich Lastzüge von Deutschland nach Russland, Saudi-Arabien, Syrien und in den Iran. Gerade während des Iran-Irak-Kriegs war das sehr gut bezahlt. So groß wird die Gefahr schon nicht sein, dachte ich mir damals. Als ich dort ankam, sah ich die Bombenkrater, die Schützengräben, die Soldaten. Und Kinder und Familien, die direkt daneben lebten. Die Angst war überall zu spüren. Von unserer sicheren Warte aus schauen wir auf die Konfliktherde von einer sehr entfernten Perspektive. Sie berühren uns nicht wirklich. Das ändert sich, wenn man direkt vor Ort mit den Menschen in Kontakt kommt.

 

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Für Ihren Film „Happy Welcome“ sind Sie mit vier ‚Clowns ohne Grenzen‘ und einem Filmteam zu acht Asylbewerberheimen in Deutschland gereist. Was haben Sie erlebt?

Als wir in der Erstaufnahmeeinrichtung Zirndorf bei Nürnberg drehten – die Clowns waren schon in voller Montur – kamen Reisebusse mit Flüchtlingen dort an. Wir spürten die Unsicherheit dieser Menschen, sie waren vorsichtig und sehr ernst. Dann traten die Clowns auf. Es war ein sehr intensives Erlebnis zu sehen, wie sich die Zurückhaltung während der Show wandelte, wie die Flüchtlinge zunächst verhalten und dann immer mehr lachten. Zum Schluss erlebte die ganze Gemeinschaft einen überglücklichen Moment. Glück erzeugt unglaublich viel Energie. Wer Glück erlebt hat weiß, was ich meine. Wir Menschen brauchen das immer wieder, gerade in schwierigsten Situationen, um zu wissen, warum wir hier sind. Deshalb suchen wir diese Glücksmomente, im Musizieren, in der Liebe, in Religionen, in der Unterhaltung. Es war dort ganz unmittelbar spürbar, was für die Menschen dort, die großenteils traumatische Erlebnisse in sich tragen, diese Momente bedeuteten. Dass sie einfach nur glücklich sein und ausgelassen lachen durften, hat mich tief beeindruckt.

 

Seit Ihrem Dreh Anfang Juni dieses Jahres hat sich die Lage in Deutschland wieder und wieder verändert. Was möchten Sie mit dem Film erreichen?

Als wir den Film drehten, hofften wir, einen kleinen Beitrag zu einer positiven Willkommenskultur in diesem Land leisten zu können. Nur zwei Monate später applaudierten Tausende Deutsche an den Bahnhöfen den ankommenden Flüchtlingen. Was kurz vorher noch undenkbar war, wurde Realität: Deutschland zeigte der Welt, was Willkommenskultur heißt. Dann kamen mehr als doppelt so viele Menschen über die Balkanroute als Anfang des Jahres erwartet. Die Stimmung in der Politik, den Medien, der Gesellschaft könnte kippen. Daher geht es jetzt darum, die Willkommenskultur in eine positive Integrationskultur zu transformieren. Diese Zahl an Flüchtlingen zu organisieren und zu versorgen ist eine große, historische Herausforderung. Der Film nähert sich diesem komplexen Thema mit der Einfachheit der Clowns und ihrem Humor: Lachen und Freude als universelle Sprache, die vertrackte Situationen lindern oder gar lösen kann. Ich erhoffe mir von dem Film, dass er möglichst viele Menschen in ihrer Arbeit für die Flüchtlinge bestärkt und andere gewinnt für eine zukünftige Integrationsarbeit. Eines der letzten Statements im Film ist, dass wir in so einer großen Wohlstandswabe leben wie nur Wenige auf der Welt und noch viel mehr teilen könnten. Diesen Gedanken finde ich wichtig. Die Erfahrung zeigt: Wenn wir teilen, wird uns das auch bereichern. Das ist auch das Wunderbare bei den Auftritten der Clowns: Sie geben etwas, teilen etwas, aber sie bekommen unglaublich viel zurück.


 

Biographie Walter Steffen

Walter_Steffen_THWalter Steffen (* 3. März 1955) ist ein deutscher Drehbuchautor, Regisseur und Produzent. Nach dem Studium des Lebens als Hüttenwirt, Skilehrer, Hafen- und Fabrikarbeiter sowie Lastwagenfahrer, unter anderem in den Nahen Osten, machte er eine praktische Ausbildung zum Filmschaffenden bei Regisseur Michael Verhoeven. Später wurde er Drehbuchautor für Fernsehfilme, schrieb Bücher unter anderem zu den Serien „Edel & Starck“ und „Die Rosenheim-Cops“.

Von 1985 bis 1990 war er als freier Autor und Regisseur für Industrie- und Dokumentarfilme tätig. Außerdem inszenierte und produzierte er einige fiktionale Kurzfilme, die auf internationalen Filmfestivals ausgezeichnet wurden (Bilbao, Trondheim, Locarno).

Seit 2007 stellt Steffen in Personalunion als Autor, Regisseur und Produzent Dokumentar- und Spielfilme her. Für „Netz & Würm“ über die Fischer am Starnberger See erhielt er den Tassilo-Kulturpreis der Süddeutschen Zeitung. Für die Holocaust-Dokumentation „Endstation Seeshaupt“ wurde er mit dem Kulturpreis des Landkreises Weilheim-Schongau ausgezeichnet. Sein Film „München in Indien“ über den Hofmaler der Maharadschas war einer der erfolgreichsten Dokumentarfilme in den deutschen Kinos im Jahr 2013. „Bavaria Vista Club“, eine filmische Ode an die aktuelle bayerische Volksmusikszene, zog Anfang dieses Jahres Tausende in die Kinos. Walter Steffen ist verheiratet und hat drei Söhne. Mit seiner Familie lebt er in Seeshaupt am Starnberger See.

 

Fotos: Manfred-Lehner, T.H. Heinser

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