SchlossMagazin

Magazin für gehobenen Lebensstil in Bayerisch-Schwaben und im Fünfseenland. Exklusive, informative und spannende Unterhaltung für Leser mit Anspruch.

Kosmopolitische Stadt

Im Jahr 2020 wird di Frage nach der Herkunft in Augburg kaum mehr eine Rolle spielen. Die Stadt ist jetzt schon auf dem Weg zur selbstverständlichen Vielfalt.

Eine Alltagsszene kürzlich in Augsburg: Einem Mann fällt in einem Fitness-Studio eine junge, hübsche Frau mit langen, schwarzen Haaren auf. „Sie kommen bestimmt nicht aus Deutschland?“, fragt er. „Doch! Ich bin Deutsche“, antwortet sie. Er: „Egal – bei Ihnen hat auf jeden Fall Gott alles richtig gemacht.“ Sie: „Fragt sich nur, welcher Gott?“

Diese kleine Begebenheit steht für eine Wirklichkeit, wie sie in Augsburg besonders ausgeprägt ist. In Augsburg leben Menschen, die sich voneinander unterscheiden – was ihre ethnische Herkunft betrifft, ihre Religion, ihre Weltanschauung, ihre Kultur. 42 Prozent der Bevölkerung in der Stadt (gesamt über 270.000) haben einen Migrationshintergrund. Die meisten stammen aus der ehemaligen Sowjetunion, gefolgt von Menschen aus der Türkei, aus Asien, aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus Rumänien, Polen und anderen Ländern. „Im Jahr 2020 wird die Frage nach der Herkunft nicht mehr diese Rolle spielen wie heute“, meint Timo Köster, Leiter des Projektbüros für Frieden und Interkultur in Augsburg. Das vermeintlich Fremde wird nicht mehr als solches wahrgenommen und selbst wenn, dann weniger als Bedrohung, sondern vielmehr als Bereicherung. „Der Prozess der Kosmopolitisierung ist unaufhaltbar.“

Augsburger Leben ist von menschlicher Vielfältigkeit geprägt

kosmo1Sängerin Enel Mathoulouthi auf dem Festival der KulturenSchon längst hat in Augsburg dieser Prozess begonnen. Die Stadt zeigt sich als moderne, pulsierende Großstadt, deren Leben geprägt wird von der Vielfältigkeit ihrer Menschen – sichtbar etwa an den vielen Sprachen, die hier gesprochen werden. Im gut sortierten Super- markt sind selbstverständlich Lebensmittel aus der türkischen, russischen oder asiatischen Küche zu finden. Musik, Kunst, Theater, Sport, Wissenschaft, Wirtschaft – in der Stadt versammeln sich Menschen aus aller Welt.

Eine jüngst geführte Debatte, die sich darum drehte, inwieweit sich die städtischen Kultureinrichtungen noch mehr interkulturell öffnen sollten, zeige jedoch, so Köster, „dass vielleicht noch manch schmerzhafte Auseinandersetzung geführt werden muss“. Noch immer bestehen Ängste, da sich durch diesen Wandel in der Gesellschaft neue Aufgaben und damit verbundene Herausforderungen auftun. Steckt nicht auch in jedem Menschen die Grundhaltung, dass einem das lieber ist, was einem selbst ähnlich und vertraut ist? Im Augsburger Kulturgeschehen ist man schon einige Schritte weiter: Im kulturellen Regelbetrieb werden neue Perspektiven integriert. Perspektiven, die – so Köster – nichts mit Laien- oder Sozialarbeit zu tun haben. Für viele Einrichtungen sind interkulturelle Ansätze längst selbstverständlicher Teil ihrer Kultur- und Bildungsprogramme.

Wie wird das konkret? Einige Beispiele: Mitte Juni wurde in den Goldenen Saal des Augsburger Rathauses zum 1. Deutschen Diversity-Tag geladen. Im Jahr 2007 hatte auch Augsburg die „Charta der Vielfalt“ unterschrieben, deren Ziel es ist, mit der Vielfalt umzugehen und ihre Ressourcen daraus zu nutzen. Brigitte Ederer, Personalvorstand bei Siemens, zeigte als Hauptrednerin auf, wie die Vielfalt im Unternehmen als Innovationskraft genutzt werden kann. „Diversity ist etwas,  was belebt!“, sagte sie.

Friedvolles Zusammenleben ist oberstes Ziel in der Friedensstadt

Eine ganze Fülle an Plattformen gibt es in Augsburg, wo die Chancen des friedvollen Zusammenlebens und der Vielfalt aufgezeigt werden. Dabei arbeiten alle möglichen Einrichtungen zusammen, sei es die Universität Augsburg, sei es das Evangelischen Forum Annahof oder die Interkulturellen Akademie etc. In der Reihe „Zusammen leben. Augsburger Reden zur Vielfalt in der Stadtgesellschaft“ kommen profilierte Persönlichkeiten zu Wort. Am 24. September wird etwa Prof. Aleida Assmann, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, erwartet, die über den „Umgang mit Geschichte und Erinnerung in der deutschen Einwanderungsgesellschaft“ spricht.

Regelmäßig ausgeschrieben wird von der Universität Augsburg, dem Forum Interkulturelles Leben und Lernen (FILL) und der Friedensstadt Augsburg der Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien. – interessant im Jahr 2010 etwa der Preis für Prof. Maren Möhring, die in ihrer Habilitationsschrift nachwies, dass Speisen wie kaum ein anderes Alltagsobjekt zum Inbegriff einer bestimmten nationalen, ethnischen oder kulturellen Identität werden können. Was heißt, so Möhring: „Der Magen ist oftmals kosmopolitischer als das Hirn.“ Ist nicht der „Lieblingsitaliener“ auch in Augsburg längst zu mehr als zu einem Speiselokal geworden? Er steht auch für Genuss und italienische Lebensart.

Interkulturelle Genüsse bieten sich in Augsburg das ganze Jahr über an, verdichtet jedoch im August. Ein Höhepunkt wird das inzwischen 5. „Festival der Kulturen“ am 2. und 3. August sein. HochkarätigeKonzerte und ein Begleitprogramm laden zum Feiern, zum Verweilenund zur Begegnung mit Menschen unterschiedlichster kulturellerWurzeln – in den Annahof als Festivalzentrale. Dieses Festivallebt auch vom Potenzial der vielkulturellen Augsburger Szene. Eingebundenist dieses Festival der Kulturen in das kulturelle Rahmenprogrammdes Augsburger Hohen Friedensfestes.

Augsburger Friedensfest einmalig in Deutschland

kosmo2Schmisig: das Auftaktkonzert zum Friedensfest mit den PhilharmonikernDas Hohe Friedensfest, das die Stadt Augsburg am 8. August als weltweitexklusiven Feiertag begeht, erinnert an das Jahr 1650, als die Protestantenerstmals ihre im Augsburger Religionsfrieden (1555) formulierteund im Westfälischen Frieden (1648) errungene Gleichberechtigungmit der römisch-katholischen Kirche feierten. Heute führt das Festdiesen Gedanken weiter – als Sensibilisierung dafür, wie das Modell einermodernen, vielkulturellen und vielreligiösen Friedensstadt aussehenkann.

Das Fremde ist nicht mehr fremd, wenn man einander kennt. DiesenGedanken greift in diesem Jahr das Forum Interkultur – hier sitzenVertreter von Kommune, Kultureinrichtungen und Künstler – mit demThemenschwerpunkt „Augsburger Migrationsgeschichten“ auf. In einerkleinen Tagung am 24. und 25. September anlässlich des Jahrestageszum Augsburger Religionsfrieden soll deutlich werden, dassAnerkennung auch damit zu tun hat, von der jeweiligen Lebens- undMigrationsgeschichte zu hören. Ziel ist es, in einem länger angelegtenProjekt von Universität, den musealen Einrichtungen der Stadtund der Stadt Augsburg , die Zuwanderung in den 1950er bis 1970erJahren nach Augsburg, die die Stadt so sehr verändert hat, wissenschaftlichzu erschließen, um sie dann in einem zweiten Schritt auchmuseal zu präsentieren. Zunächst jedoch darf erzählt, zugehört undmiteinander gelebt werden!

Text: Gerlinde Knoller

Informationen: www.friedensstadt.augsburg.de

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