SchlossMagazin

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Schloss Tutzing

Am Westufer des Starnberger Sees liegt Tutzings Wahrzeichen, das Schloss – seit 1947 Sitz der Evangelischen Akademie Tutzing. Adelige und Bürgerliche konnten über die Jahrhunderte hinweg dieses Kleinod ihr Eigen nennen, das über Bayern hinaus bundesweit und international bekannt ist.

Text: Christof Müller

Schloss Sommerblick.geaendert„Ferien im Schloss“: Es gibt Menschen, die genau dies suchen – und im Schloss Tutzing die Möglichkeit dazu bekommen. Zwischen Mitte Juli und Ende August steht das Haus Urlaubern zur Verfügung. „Einmal mehr hatten wir eine Auslastung von weit über neunzig Prozent“, freut sich Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing, der in diesen sechs Wochen insgesamt rund 650 Gäste begrüßen konnte. Bildungshaus und Tagungshotel (mit 66 Zimmer und mehr als neunzig Betten) – diesem Zweck dienen die Räume dieses geschichtsträchtigen Ortes seit 1947.

In seiner heutigen Gestalt gehen die Gebäude auf Friedrich Graf von Vieregg zurück, der zwischen 1802 und 1816 den Umbau der Anlage veranlasste. Zwischen 1869 und 1880 befand sich das Schloss im Besitz des Gründers der Deutschen Verlagsanstalt, Eduard von Hallberger. 1915 erbte die Stadt Stuttgart das Schloss von Gabriele Henriette von Hallberger. 1916 kaufte der Mediziner Dr. Ernst Schoen von Wildenegg das Anwesen. Von 1921 bis zu seinem Tod im Jahre 1930 residierte der international bekannte ungarische jüdische Kunstsammler Marczell von Nemes im Schloss, der El Greco für den europäischen Kunstmarkt entdeckte. Nach dessen Tod besaß der Industrielle und katholische Zentrumspolitiker Albert Hackelsberger das Objekt. Er kam 1940 in Gestapo-Haft ums Leben. In den vierziger Jahren gehörte das Schloss den Familien Kaselowsky und Oetker, die es nach dem Zweiten Weltkrieg an die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern verkauften.

luftbild.geaendertSeit 1947 wurden im Haus Tagungen durchgeführt – die Anfänge der Evangelischen Akademie Tutzing, deren Errichtung Landesbischof D. Hans Meiser beschloss. 1956 wurde die Schlosskapelle von Olaf Gulbransson und Hubert Distler neu gestaltet. Drei Jahre darauf errichteten die beiden Künstler für den Tagungsbetrieb ein zeitgemäßes Auditorium. 1980 kam das Restaurant von Hans-Busso von Busse hinzu, das in seiner Architektur die Idee des alten Palmenhauses (Umbau zu einem Musiksaal durch Marczell von Nemes) aufgriff. Götz von Ranke sanierte von 1984 bis 1986 das in die Jahre gekommene Schlossgebäude von Grund auf. Um der wachsenden Gästezahl gerecht zu werden, weihte man 1992 das ebenfalls unter der Regie von Götz von Ranke behutsam umgebaute Gästehaus ein. Gemeinsam mit dem Festsaal, der ehemaligen Orangerie sowie dem Kavaliersgewölbe bilden diese Gebäude ein harmonisches Gesamtkunstwerk am Starnberger See.

Die einmalige Lage am Ufer des Starnberger Sees und die weitläufigen Anlagen mit ihrem jahrhundertealten Baumbestand machen den Schlosspark zu einem einzigartigen Naturdenkmal. Der ehemals barocke Schlossgarten wurde 1802 bei dem groß angelegten Neubau des Schlosses unter Friedrich Graf von Vieregg in einen englischen Landschaftsgarten umgewandelt, der allerdings an einer Mauer endete und noch nicht bis zum See reichte. Der Uferstreifen konnte erst 1870 von Eduard von Hallberger in den Park einbezogen werden. Für die Umgestaltung der Gartenanlage wurde der bayerische Hofgartendirektor Karl von Effner engagiert. Er schuf auf dem beschränkten Raum eine weiträumig wirkende Parkszenerie. Der benachbarte Kustermannpark wurde zur gleichen Zeit ebenso nach von Effners Entwürfen im Auftrag von Max Kustermann, einem wohlhabenden Tutzinger Industriellen, gestaltet. Mit Blick auf die malerische Alpenkulisse von Karwendel, Wetterstein und Zugspitze reiht sich der Schlosspark der Evangelischen Akademie Tutzing in die Kategorie der außergewöhnlichen Parkensembles am Westufer des Starnberger Sees ein.

Die Evangelische Akademie Tutzing führt – so ihr Selbstverständnis – Menschen aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Medien und Kirche zusammen. Sie versteht sich als ein Ort der Bildung und der Begegnung mit dem christlichen Glauben. Sie will Meinungsbildung möglich machen. Die Akademie fördert durch den Diskurs die Suche nach Lösungen in der Zivilgesellschaft, sie richtet ihre Arbeit interdisziplinär, interkulturell und international aus. Mehr als 8.000 Menschen nehmen Jahr für Jahr an den gut einhundert Tagungen, Konsultationen, Workshops und abendlichen Foren teil. In der Evangelischen Akademie Tutzing finden auch zahlreiche Gastveranstaltungen statt. Stiftungen, Universitäten, Firmen, Vereine und sonstige Organisationen nutzen den Ort für eigenständig organisierte Tagungen, Klausuren, Kongresse, Konzerte. Dadurch kommen jährlich weitere 6.000 Menschen ins Schloss. Manche Veranstaltungen sind gratis. Und beim „Tag der offenen Tür“, am „Tag des offenen Denkmals“ beim „Picknick im Park“ ist der Zugang ebenfalls kostenfrei, auch bei Kunstausstellungen im Park.

Die Evangelische Akademie Tutzing zählt zu den bedeutendsten Denkwerkstätten in Deutschland. Zahlreiche Impulse sind von hier ausgegangen und haben in Politik, Wirtschaft, Kultur, Medien und Kirche ihre Wirkung entfaltet. In Seminaren, Konsultationen, Workshops und Abendveranstaltungen werden Themen aufgegriffen, die die Menschen bewegen. Im Jahre 1963 hat der kürzlich verstorbene SPD-Politiker Egon Bahr in einer Tagung des Politischen Clubs der Akademie das Motto der Ostpolitik Willy Brandts geprägt: „Wandel durch Annäherung.“ Seit ihrem Bestehen bringt sie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens verschiedener politischer Couleur wie auch Künstler und Literaten ins Gespräch. Ihre Bandbreite zeigt sich auch in den von ihr gestifteten Preisen: Seit 1984 wird alle zwei Jahre der Marie-Luise-Kaschnitz-Preis vergeben, seit 2000 ebenfalls alle zwei Jahre der „Toleranzpreis“, seit 2012 auch in der Kategorie „Zivilcourage“. Seit 2013 unterstützt sie den Robert-Geisendörfer-Preis „Kinderprogramme“ und seit 2014 lobt die Evangelische Akademie Tutzing zusammen mit dem Unternehmen Eurobuch den „Phoenix-Kunstpreis für Nachwuchskünstler“ aus.

Der Akademiedirektor ein Schlossherr, ein Hoteldirektor? Udo Hahn wehrt ab. Weder das eine noch das andere, sagt er. „Statthalter“ würde es treffen, auch „Gastgeber“. Dass er diese Rolle gerne einnimmt, spürt man.

Informationen:

www.ev-akademie-tutzing.de

www.schloss-tutzing.de

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