SchlossMagazin

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Textil-Hochburg Augsburg

Die Textilherstellung hat in Augsburg eine lange Tradition. Eine vergangene Tradition. Das staatliche Textil- und Industriemuseum in Augsburg (tim) zeigt einen beeindruckenden Einblick in die Geschichte der einstigen Textil-Hochburg Augsburg. Dabei geht es um Stoffe, Maschinen und um den Menschen …

Reich ist die Geschichte der Textilherstellung in Augsburg. Sie erzählt vom rasanten Fortschritt, der durch die Mechanisierung, Automatisierung und Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert für eine gigantische Produktionssteigerung gesorgt und letztendlich Kleidung auch billiger gemacht hat. An den Anfängen der Augsburger Textil- Hochburg steht die Familie Fugger, die als Weber vom Land in die Stadt kamen. Vom 15. bis ins 18. Jahrhundert war Augsburg ein bedeutendes Zentrum der Weberei. „Fugger-Barchent ist eines der Erfolgsprodukte aus Augsburg“, sagt Karl Borromäus Murr, der Leiter des Staatlichen Textil- und Industriemuseums. Beim Barchent handelt es sich um ein Gemisch aus Leinen (Flachs) und Baumwolle, mit einfachen Musterungen, das damals in die ganze Welt verkauft wurde. Der Flachs kam aus dem Allgäu, und die Baumwolle aus Übersee. Augsburg war seit dem frühen 18. Jahrhundert auch die Stadt des Textildrucks. Die Unternehmer Schüle und Forster waren auch die Vorreiter der Industrialisierung in Augsburg. „Ab 1830 entstanden die ersten großen Fabriken. Zum einen die Augsburger Kammgarnspinnerei (AKS), die anfangs hauptsächlich Wolle verarbeitete, und zum anderen die Mechanische Baumwollspinnerei und Weberei (SWA), die 1837 mit der Unterstützung von Bankiers gleich als Aktiengesellschaft (Kapital 1,5 Millionen Gulden) gegründet wurde.“

Modeschauen mit Prominenz

Made in Augsburg“: Ein Qualitätsprodukt ist das Geschirrtuch aus extrem robustem Leinen – dem „Fuggerbarchent“.Ab Mitte des 19. Jahrhunderts feiert die Industrialisierung dann ihren Siegeszug. Es wird mechanisiert, elektrifiziert, motorisiert und gleichzeitig ausgestellt. Viele Menschen verlieren ihren Arbeitsplatz. Es gibt einen extremen Wandel und Ausbau bis zum ersten Weltkrieg. „Im Krieg kommt es dann aber zum ersten richtigen Einbruch der Textilproduktion. Die Seeblockade der Briten sorgt dafür, dass keine Rohstoffe mehr durchkommen und Augsburg nicht mehr mit Baumwolle versorgt wird. Es kommt zu Stillstand, Kurzarbeit und den ersten Betriebsstilllegungen“, erklärt Karl Borromäus Murr. Damals werden aus der Not heraus Textilien aus Papier gefertigt, die mit Ende des Krieges aber sehr schnell wieder aus der Mode kommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es für Textilien „made in Augsburg“ einen neuen Frühling. In den Fünfzigern geht es dann richtig aufwärts. Da tummeln sich plötzlich bei Modeschauen – unter anderem der NAK (Neue Augsburger Kattunfabrik) – Prominente mit Namen wie Schickedanz und Politiker wie Ludwig Erhardt, der Vater des Wirtschaftswunders.

Webmaschine aus den 1880er Jahren

Im Augsburger Textilmuseum wird die Geschichte der Stoffherstellung lebendig. Einer der Höhepunkte in der Ausstellung sind die verschiedenen Webstühle, die die Weiterentwicklungen vom 19. ins 20. Jahrhunderte zeigen. Auch eine Webmaschine aus den 1880er Jahren ist dabei. Sie stammt aus einer Leinen-Weberei in Asbach-Bäumenheim und funktioniert immer noch. Sie ist aber nur auf einfache Muster ausgerichtet, wie zum Beispiel das Fuggerbarchent. Wie damals noch, werden an dieser Maschine Leinenfäden mit Baumwollfäden verwoben. Das Leinen ist extrem robust, und die Baumwolle sorgt für eine hohe Saugfähigkeit. Im Ergebnis gibt das ein super Geschirrtuch.

Revolution der Jacquardmaschine

Eine Erfindung des Franzosen Joseph Marie Jacquard, die gleichnamige Jacquardmaschine, hat Anfang des 19. Jahrhunderts das Weben revolutioniert. Mit dieser Maschine wurden deutlich detailliertere und kompliziertere Muster möglich. Dazu wurden die Kettfäden (Längsfäden) an nach oben verlaufenden Schnüren aufgehängt und diese Schnüre wurden mittels eines Lochkarten-Systems gehoben und gesenkt. Bis zu dieser Erfindung waren entsprechend gemusterte Stoffe ein Luxusartikel, danach Massenware. An einer solchen Jacquardmaschine, einer Luftfrottierwebmaschine von der Firma Dornier aus dem Jahr 2008, lässt sich im Textilmuseum das Wunderwerk bestaunen.

Textildruck mit immer neuen Techniken

Einfacher als die mechanische Erzeugung von Mustern ist freilich der Textildruck. Hier gab es im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neue Techniken. „Mit dem Walzendruck gelang in England, das in der Textilherstellung damals meist Vorreiter war, gegen Ende des 18. Jahrhunderts wieder ein weiterer Meilenstein auf dem Weg in die Industrialisierung“, erklärt Museumsleiter Murr. Auf den Walzen wurden die gewünschten Muster fein eingraviert und dann an der Walzendruckmaschine (auch Rouleauxdruckmaschine) auf die Stoffe gedruckt. Ab dem Jahr 1900 entwickelte sich dann der Fotodruck. Eine riesige Reproduktionskamera im Textilmuseum zeigt auch diese Technik.

tim3Muster und Mode

Das Herzstück schlechthin im Augsburger Textilmuseum ist die Musterbuch-Sammlung der NAK. Insgesamt beherbergt das tim 550 Musterbücher aus einem Zeitraum von 1783 bis 1993. Von diesen Büchern sind etwa 20 ausgestellt. Neben dem Erfolgsprodukt „Augsburger Rot“ gibt es auch Papierstoffe aus dem ersten Weltkrieg zubestaunen. Eine der drei übergroßen Grazien im Mittelbereich des tim ist mit Originalstoffen der NAK aus den 50ern und 60ern eingekleidet. Die Wandlung in der Mode wird im tim gleich nebenan gezeigt. Eine stolze Sammlung, die den Zeitraum von 1800 bis 2000 abdeckt. Vom Biedermeierkleid hin zur ersten freizügigen Bademode ist alles dabei. Es gibt einen beeindruckenden Chauffeur-Anzug aus den 30er Jahren und auch ein so genannter Russenkittel ist dabei. Russenkittel waren in Deutschland zur Zeit des Kaiserreichs modern. Auch ein „Hauser-Kleid“, benannt nach der Modeschöpferin Liselotte Hauser aus Memmingen, von 1960 ist ausgestellt.

Schildermädchen aus Gold und Silber

„Eine Modestadt war Augsburg nie. Es wurden zwar auch teure und exklusive Stoffe hergestellt, aber Endverarbeitung und Kleiderdesign gab es hier fast nicht“, sagt der Leiter des Textilmuseums, Karl Borromäus Murr, und fügt an, was die Produktion in den Fabriken bestimmte: „Im 19. Jahrhundert wurde Klasse produziert und im 20. Jahrhundert Masse.“ Ein Beispiel für die Klasse und Exklusivität sind die Schildermädchen, Plättchen aus Gold und Silber, die damals in den Schüle’schen Fabriken auf die Stoffe aufgetragen wurden. Aus Augsburg kamen auch Stoffe für Brasilien, und nach Russland wurden Kopftücher exportiert. Die Massenproduktion umfasste Unterwäsche, Bettwäsche oder Hemdenstoffe.

tim4Buchtipp: „Süddeutsche Textilgeschichte“

„Die süddeutsche Textillandschaft“, Karl Borromäus Murr, Wolfgang Wüst, Werner K. Blessing. Peter Fassl (hg.), heißt ein Buch, das sich mit dem Leben der Augsburger Textilarbeiter auseinandersetzt. Es ist ein Gemeinschaftswerk, an dem sowohl der Bezirk Schwaben, als auch das tim und Fachautoren beteiligt sind. In ihrem Überblick über die süddeutsche Textillandschaft steigen die Autoren tiefer in Themen wie Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur ein.

Wißner Verlag • Preis 29,90 Euro • ISBN 978-3-89639-801

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